Früher, als Menschen noch wüssten, dass sie mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit ihr Leben als belanglose Randnotiz der Geschichte fristen würden, war die Welt in Ordnung. Der Bäcker backte, der Schuster schusterte, und niemand kam auf die Idee, seine misslungenen Hobbyskizzen als NFT auf irgendeinem obskuren Online-Marktplatz zu verscherbeln. Doch dann kam der moderne Wahnsinn: die Selbstinszenierung als Lebenszweck.

Schneeflocken, überall Schneeflocken

Beginnen wir mit der berühmten „Generation Schneeflocke“ – Menschen, die so einzigartig sind, dass sie schon beim kleinsten Hauch von Gegenwind zerbrechen. Ein Beispiel: Lisa, 27, selbsternannte „Künstlerin“, deren größter künstlerischer Beitrag bisher darin besteht, ihren Kaffeeschaum zu fotografieren. Lisa glaubt, sie sei ein unverstandenes Genie. Tatsächlich ist sie jedoch nur ein weiteres, verzweifelt Aufmerksamkeit suchendes Individuum in einer Welt, die bereits überbevölkert ist von Menschen wie ihr. 

Oder nehmen wir Tom, der sich mit Mitte 30 immer noch als „Digital Nomad“ bezeichnet und stolz darauf ist, in einem Van zu leben. In Wahrheit ist Tom nicht frei, sondern einfach nur pleite und obdachlos, aber hey, solange der Instagram-Feed stimmt, ist ja alles okay. Und dann wäre da noch Mia, die glaubt, ihre Yoga-Videos hätten das Potenzial, die Welt zu verändern. Nein, Mia, die Welt braucht keine weiteren Rückwärtsdehnungen in Zeitlupe – was sie braucht, sind Menschen, die Dinge erledigen.

Die Ironie der Masse

Hier ist das Paradoxe an der ganzen Sache: Je mehr Menschen versuchen, einzigartig zu sein, desto mehr gleichen sie sich an. Jeder will herausstechen, also tragen alle dieselben Tattoos, teilen dieselben veganen Rezepte und posten dieselben pseudo-tiefgründigen Zitate von Rilke – natürlich über einem Foto von sich selbst, nachdenklich in die Ferne starrend. Es ist, als würden sie ihre Individualität in einem IKEA-Regal zur Schau stellen: zusammengebaut, billig und immer gleich.

Der erschöpfte Narziss

Das Problem ist, dass dieser ständige Zirkus der Selbstdarstellung nicht nur unerträglich nervt, sondern auch mörderisch anstrengend ist. Man kann ja gar nicht mehr existieren, ohne sich zu fragen, ob die Welt „genug“ davon mitbekommt. Selbst das simpelste Abendessen muss inzwischen als Kunstwerk auf Social Media landen – ein kalorienreicher Beweis dafür, dass man lebt. Diese Menschen sind keine Individualisten, sie sind Marktschreier ohne Markt, Influencer ohne Einfluss.

Der erhabene Autor

Und dann gibt es mich. Während andere sich in ihrer Einzigartigkeit suhlen wie Schweine im Matsch, habe ich den Reifegrad erreicht, zu wissen, dass wahre Bedeutung nicht darin liegt, besonders zu sein. Es ist ein Privileg, diesem Spektakel aus der Distanz zuzusehen – wie ein Adler, der vom Berg herab auf ein Tal voller sich selbst feiernder Lemminge blickt. Ich muss nicht laut schreien, um gesehen zu werden, denn ich schreibe. Und Schreiben ist ein Akt, der die Bedeutungslosigkeit in Kunst verwandeln kann – etwas, das diese Instagram-poetischen Hobbyphilosophen niemals verstehen werden.

Die Freiheit der Mittelmäßigkeit

Vielleicht wäre es Zeit, diese Pandemie des Individualismus zu beenden. Einfach mal akzeptieren, dass man nicht besonders ist, und sich in der Freiheit der Mittelmäßigkeit suhlen. Es wäre eine Befreiung – für Lisa, für Tom, für Mia und für alle anderen, die ihre Einzigartigkeit mit aller Macht in die Welt hinausschreien. Denn manchmal, nur manchmal, ist nichts Besonderes zu sein das Beste, was einem passieren kann.

In diesem Sinne 

Gehabt Euch wohl
Euer Ben

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Ben Ricardo, das Sinnbild für den bösen alten Mann. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und hält jedem die hässliche Fratze des eigenen Spiegelbildes vor

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