Von Schweiß, Drama und PowerPoint:

Es gibt Reisen, die man macht, weil man es will. Und dann gibt es Reisen mit der Deutschen Bahn, die man macht, weil man keinen anderen Ausweg sieht. So fand ich mich eines trüben Vormittags auf Gleis 9 des Kölner Hauptbahnhofs wieder, ausgestattet mit einer Fahrkarte, einem Rest Hoffnung und der unbestätigten Prognose, dass mein ICE gen Berlin mit lediglich 20 Minuten Verspätung einrollen würde.
Der Anlass dieser Odyssee? Ein absurder Pflichttermin auf einer Networking-Veranstaltung für sogenannte „kreative Vordenker“ – ein Hort für selbsternannte Visionäre mit bunten Brillen und peinlich schlechten PowerPoints. Mein Schicksal war also von Beginn an besiegelt.
Schon der erste Eindruck des Zuges, der sich irgendwann schwerfällig wie ein alternder Elefant auf dem Gleis einfand, war bezeichnend: beschmierte Scheiben, durch die das Licht nur widerwillig fiel, und eine Tür, die sich zunächst gegenüber meinem Entschluss, einzusteigen, sperrte. Nachdem ein beherzter Schlag eines Mitreisenden den Zugang freilegte, begab ich mich hinein – in eine Welt aus verschütteten Kaffeeflecken, fettigen Kopfabdrücken an den Scheiben und einem Duftbouquet, das irgendwo zwischen Männerschweiß und einem abgestandenen 5-Euro-Wein oszillierte.

Mein Sitzplatz, den ich naiverweise reserviert hatte, war natürlich besetzt. Von einem Rentnerehepaar, das mit einem geübten Mix aus Ignoranz und Passiv-Aggression so tat, als sei es taub. Diskussionen lohnen nicht, wenn man sich mit der Fahrgästen der Deutschen Bahn anlegt; ihre Borniertheit übertrifft die Unpünktlichkeit des gesamten Unternehmens um Längen. Also suchte ich mir ein anderes Plätzchen und landete schließlich gegenüber eines Mannes, der offensichtlich seinen Samstagmorgen nicht ohne sechs Dosen Bier überstehen konnte.

Er trug einen Trainingsanzug, der aussah, als hätte er seinen Glanz zuletzt in den 90ern gesehen, und erzählte lautstark einer unsichtbaren Person von seinen Heldentaten im letzten Kreisliga-Spiel. Der Alkoholgeruch, der von ihm ausging, erinnerte an die Ausdünstungen von Fritz Honka aus der berühmten Hamburger Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“. Mir graut es bei der Vorstellung, das seine zahlreichen weiblichen Opfer unter diesem Gestank ihr Leben so sinnlos verloren haben.
Nach etwa einer Stunde Fahrt – die sich übrigens aufgrund eines Signalfehlers bereits auf zweieinhalb Stunden verzögert hatte – wagte ich einen Ausflug in das Bordbistro. Oder sagen wir: das, was davon übrig war. Es wirkte wie die Ruine einer apokalyptischen Snackbar. Das einzige Angebot bestand aus Pappbrötchen, die vor Tagen seine Existenz aufgegeben hatten, und einem Kaffee, der mich mit seinem Duft an Motoröl erinnerte. Das Personal hinter der Theke war so freundlich wie ein Berliner Taxifahrer nach einer Nachtschicht und quittierte jede Nachfrage mit einem missmutigen Grunzen, als sei es eine persönliche Beleidigung.
Die Toiletten – und ich wage mich kaum, das Wort „Toilette“ hier zu verwenden – waren selbst für Notfälle eine Herausforderung. Die Schüsse eines offensichtlich tollkühnen Blasenträgers zierten die Wände wie ein surrealistisches Kunstwerk, und das Fehlen von Toilettenpapier wurde durch einen Haufen Altpapier kompensiert, der aussah, als hätte ihn jemand aus Protest dort hinterlassen.

Doch selbst die absurde Komik dieser Zustände wurde von einem Moment der Panik übertroffen. Im Abteil verbreitete sich plötzlich Unruhe – ein junger Mann mit etwas zu lautem Ton und einer Flüchtlingsgeschichte im Gepäck wurde argwöhnisch beäugt. Schnell kochte die Stimmung hoch, Blicke wurden geworfen, Gerüchte murmelten sich durch die Reihen. Glücklicherweise blieb es bei Worten – doch das latent bedrohliche Gefühl, dass jeder Zug heutzutage auch eine Bühne für Drama und Wahnsinn ist, hielt mich wach.
Endlich, nach gefühlt einem halben Jahrhundert, erreichte der Zug Berlin. Verspätet, verstimmt und völlig entnervt stieg ich aus, um mich wieder in die Fänge der urbanen Zivilisation zu begeben. Kaum angekommen, stellte ich fest, dass selbst die skurrilen Eigenheiten der Deutschen Bahn mich nicht angemessen auf das Networking-Event vorbereiten konnten. Zwischen peinlichen Höflichkeiten und schiefen PowerPoint-Präsentationen sehnte ich mich fast zurück in den Zug – fast.Eine Reise mit der Deutschen Bahn ist kein Transport. Es ist ein Charaktertest, ein surrealer Kurzfilm und eine olfaktorische Herausforderung zugleich. Ob ich noch einmal freiwillig einsteige? Vermutlich. Denn am Ende gibt es für den Masochisten in uns allen keinen besseren Ort als den ICE.
In diesem Sinne, bleibt stark und
Gehabt Euch wohl
Euer Ben




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