Wer hat entschieden, dass die größte Opfergruppe das größte Rederecht hat?
Es gibt eine neue olympische Disziplin, die den Medaillenspiegel unserer Gesellschaft auf den Kopf stellt: das „Opferolympiade-Springen“. Es geht nicht mehr darum, wer am meisten beiträgt, wer klügste Ideen hat oder wer gar echte Probleme löst. Nein, das Spiel des modernen sozialen Status funktioniert so: Je mehr du gelitten hast, desto höher kletterst du die moralische Leiter empor. Und wer nicht leiden kann, macht sich das Leiden halt passend
Hast du jemals bemerkt, wie sich in dieser Woke-Welt jede Diskussion irgendwann in eine Leidenshierarchie verwandelt? Beispiel gefällig?

Nehmen wir eine Diskussion über Arbeitsplätze. Eine Person sagt: „Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen für alle.“ Klingt vernünftig, oder? Aber keine Sorge, es dauert keine fünf Minuten, bis jemand dazwischenruft: „Moment mal! Du kannst doch nicht für *alle* sprechen! Du hast keine Ahnung, wie es ist, als BIPOC-Transfrau mit Migrationshintergrund in einem kapitalistischen System zu überleben.“ Zack, Diskussion tot, Thema gewechselt.
Das Totschlagargument ist der heilige Status des Leidens. Es ist nicht mal wichtig, ob die Kritik am Thema relevant ist oder nicht – Hauptsache, man schafft es, sich selbst als moralische Oberinstanz zu positionieren. Und wehe, du wagst es, nach Beweisen oder Zusammenhängen zu fragen. Das wäre ja „Gaslighting“ – auch ein neues Lieblingswort, das mittlerweile für jede Form von Nachhaken verwendet wird.
Und es hört ja nicht bei Diskussionen auf. Geh mal auf Social Media, wo sich diese Dynamik in ihrer reinsten Form zeigt. Da postet jemand: „Ich habe einen Apfelkuchen gebacken, weil mir das Freude macht.“ Klingt unschuldig genug, oder? Falsch. Innerhalb von Minuten kommen die Antworten: „Apfelkuchen? Wie kannst du es wagen, die Apfelbauern des globalen Südens zu ignorieren, die unter unfairen Handelspraktiken leiden? Du bist so privilegiert!“ Und dann gibt es noch die, die das Ganze mit einem „MeToo“-Moment toppen: „Ja, und als Kind hat mich ein Apfelbaum fast erschlagen – dein Post ist ein Trigger!“ Am Ende steht da ein verunsicherter Hobbybäcker, der nur noch Muffins macht, weil die anscheinend weniger Leidenspotenzial haben.
Noch ein Beispiel? Lass uns über Sprache reden. Die Woke-Bewegung hat einen regelrechten Fetisch für das Umschreiben von Wörtern entwickelt. Es reicht nicht mehr, Respekt zu zeigen – du musst auch jedes Jahr deinen Wortschatz neu erfinden, um sicherzustellen, dass du niemanden „verletzt“.
Ein „Farbiger“ wird plötzlich ein „Schwarzer“, wird plötzlich ein „BIPOC“, wird plötzlich… ja, was eigentlich? Ich komme gar nicht so schnell hinterher, wie die Begriffe rotieren. Aber wehe, du benutzt das falsche Wort! Dann bist du nicht nur unsensibel, sondern direkt ein toxischer Vertreter des Systems, das jahrhundertelang alle unterdrückt hat. Dabei wolltest du eigentlich nur höflich sein.

Die Absurdität gipfelt darin, dass es den meisten Woke-Aktivisten gar nicht um die Verbesserung der Welt geht. Es geht darum, sich selbst moralisch zu erhöhen. Ihr Ziel ist es nicht, Missstände zu beheben, sondern die Machtverhältnisse zu verschieben – hin zu denen, die die Lautesten im Opferchor sind. Es ist ein narzisstisches Machtspiel, bei dem man sich permanent in den Mittelpunkt stellt und dabei vorgibt, für andere zu kämpfen. Der eigentliche Kampf ist längst vergessen; die Aufmerksamkeit ist die neue Währung.
Das Tragische dabei ist, dass echte Probleme unter diesem Theater leiden. Armut, Bildungskrisen, Umweltkatastrophen – sie sind alle da, aber kaum einer kümmert sich wirklich darum, weil es weniger Likes bringt, in einer Suppenküche zu arbeiten, als in einem viralen Video jemanden zu „cancelen“. Ein Beispiel: Es gibt Menschen, die sich wochenlang darüber empören, dass ein Animationsfilm eine Stimme aus dem „falschen“ Kulturkreis benutzt.

Gleichzeitig können dieselben Leute problemlos an einem Starbucks vorbeigehen, ohne auch nur einen Gedanken an die Obdachlosen vor der Tür zu verschwenden. Warum? Weil der Starbucks-Obdachlose keine Schlagzeilen bringt. Er ist nur real, und das ist langweilig.
Und was passiert, wenn du versuchst, diese Dynamik anzusprechen? Ganz einfach: Du wirst selbst zur Zielscheibe. „Natürlich kritisiert er das“, sagen sie dann, „er ist Teil des Problems. Ein weißer, cis-heteronormativer Mann, der sich durch unsere Gerechtigkeit bedroht fühlt.“ Ach ja, der Klassiker: „Wenn du dich angegriffen fühlst, liegst du falsch.“ Ein Argument, das so dumm ist, dass es fast schon genial ist – denn es lässt keinen Raum für eine Gegenmeinung. Diskussion beendet, Sieg für die Wokeness.
Letztendlich bleibt die Frage: Wohin soll das alles führen? Zu einer besseren Welt? Wohl kaum. Die Welt wird nicht gerechter, wenn wir uns gegenseitig in einer endlosen Spirale von Schuldzuweisungen zerfleischen. Sie wird nur lauter, verworrener und – seien wir ehrlich – lächerlicher. Der Apfelkuchen-Bäcker hört auf zu backen, die echten Probleme bleiben ungelöst, und die Gewinner sind die, die am besten jammern können.
In diesem Sinne: Viel Spaß bei der nächsten Opferolympiade. Aber passt auf, dass ihr nicht ins Ziel kommt – denn das wäre ja auch wieder irgendwie privilegiert.
Gehabt euch wohl,
Euer Ben




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